GUTEN TAG,

 

dass es ein Fehler gewesen sein könnte, von zu Hause wegzulaufen, dieser Gedanke kam Hannelore erst, als der Lastwagen, auf dessen Beifahrersitz sie saß, ins Schlingern geriet. Keine Sekunde später hatte der Fahrer jede Kontrolle verloren; das tonnenschwere Gespann raste auf die Leitplanke zu.

 

Gut zehn Stunden vorher war Hannelores Wunsch, Höhnstedt hinter sich zu lassen, noch schwammig gewesen. Ihr Heimatdorf war bundesweit bekannt als der Ort, der vom Klimawandel profitiert: als Musterbeispiel deutschen Anpassungsvermögens. Für ein 15 Jahre altes Mädchen aber, das von der Großstadt träumte, war kein öderer Ort denkbar.

 

Ihr Vater wünschte sich mehr Dankbarkeit. Seine Tochter hätte sich glücklich schätzen sollen, dass ihr Großvater es gewagt hatte, westlich von Halle Cabernet Sauvignon zu pflanzen, als Feinschmecker noch die Nase über Wein aus Sachsen-Anhalt rümpften. Inzwischen gewann der Noack’sche Grand Cru sogar Preise. Sie könnte sich auch glücklich schätzen, dass sie in Deutschland lebte und nicht anderswo auf der Welt, wo Wüsten Städte auffraßen und Küsten im Meer versanken.

 

Aber darüber zuckte die 15-Jährige nur mit den Schultern. Sie wollte nur weg von dem einschnürenden Gemeinschaftsgefühl der Höhnstedter, ihren Arbeitseinsätzen und den Insektizidkanonen. Zufall hingegen war, dass ihr Verschwinden auf den 8. August 2066 fiel, den bisher heißesten Tag des Jahres und den 32. ohne Regen. 

 

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Es gibt Dinge, die sind so mordsmäßig altmodisch, dass sie heute kein Mensch mehr erfinden würde, nicht einmal mit dem Label „Retro“ drauf. Normalerweise verschwinden diese Dinge einfach irgendwann. Der Videorekorder. Das Stirnband. Toast Hawaii. Den gleichen Tod müsste eigentlich der Zwieback sterben. Man stelle sich vor, auf einem hippen Wochenmarkt baue, zwischen dem Kimchi- und dem Empanadas-Foodtruck, ein Herr im Anzug einen Stand mit einer einzigen Speise auf: Weißbrotscheiben, so lange gebacken, bis sie jede Saftigkeit verloren haben. Geschmacksrichtung: keine.

 

Aber manche Dinge trotzen dem Zeitgeist. Sie passen sich nicht an. Sie bleiben einfach da. Und wir kaufen sie trotzdem. Der Marktführer für Zwieback in Deutschland, das Familienunternehmen Brandt, hat im vergangenen Geschäftsjahr Getreidescheiben im Wert von knapp sechzig Millionen Euro verkau . Jeder, der in Deutschland aufgewachsen ist, kennt das Produkt. Zwie- back von Brandt ist brotgewordene Bestän- digkeit – und nichts verkörpert diesen Ruf wie der pausbäckige Wonneproppen auf der orangefarbenen Packung. Weshalb das, was Patriarch Carl-Jürgen Brandt und sein Sohn Christoph vorhaben, nicht weit von einem Umsturz entfernt ist: Neben dem fröhlichen Buben, der seit 1983 die Verpackung ziert, sollen demnächst sieben neue Kindergesich- ter auf den Packungen prangen.

 

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* die ersten Absätze aus zwei Texten von mir – der erste eine Kurzgeschichte über Deutschland im Jahr 2066 in Zeiten des Klimawandels. Der zweite eine Reportage in Nido darüber, wie die Firma Brandt versucht, den Zwieback modern zu halten.

 

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...oder kürzlich lesen konnten:

 

GEO, 10/16: Wie Deutschland im Jahr 2066, in Zeiten des Klimawandels, aussehen wird – eine fiktive Rundreise

 

Merian, 10/16: Wie aus dem verschlafenen Passau eine weltoffene Universitätsstadt wurde. Und warum Vögel, die sich im Dom der Stadt in die Orgel verirren, manchmal erst als Gerippe wiederauftauchen

 

Nido, 10/16: Wie die Firma Brandt dem Zeitgeist mit Zwieback zu trotzen versucht

 

GEO, 8/16: Wie die Sprache in den Kopf der Kinder kommt – und was geschehen müsste, damit das nicht so häufig scheitert

 

GEO, 6/16: Warum wir monogam leben, welche Gene glücklich machen und was Bäume uns auf Twitter sagen

 

GEO Kompakt, 6/16: Wie früh Babys sehen, hören, greifen können und warum Forscher überhaupt davon wissen


GEO Wissen Ernährung, 5/16: Warum Meeresalgen das perfekte Nahrungsmittel sind. Und warum sie dennoch kaum gegessen werden

 

Leibniz-Magazin, 4/16: Warum jetzt alle nach Leipzig ziehen – eine Radtour mit zwei Experten

 

 

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