HALLO,

 

just als wir durch die Meerenge zwischen Lökö und Småskär gepaddelt sind, kommt der Wind. Nicht irgendein Wind. Ein beißender, pfeifender, baumentwurzelnder Südwind. Immer schnellere, höhere Wellen schickt er gegen unser Kajak. Wir müssen nach Westen, deshalb ist jede davon eine Breitseite. Die erste Welle überrollt das Boot, eine weitere lässt es beinahe kentern. Die nächste spült Wasser in meine Ärmel, die übernächste läuft zwischen Spritzdecke und Kajak in meine Hose. Es wird kalt. Wackliger. Und der Hafen, den wir erreichen müssen, ist ein paar Hundert Meter entfernt.

 

Zwei Tage zuvor hocken meine Freundin Ulrike und ich auf einer Picknickbank in einem kleinen Hafen und lassen uns erklären, wie man navigiert. »Graue Kästchen sind Häuser. Kreuze und Punkte sind Hindernisse. Kreuze ragen immer heraus, Punkte nur manchmal.« Dann sagt der Mann vom Kajakverleih noch was von einer Schifffahrtsrinne, deren Signale blinken oder nicht und rot oder grün sein können. Vielleicht war es auch andersherum, so genau kann ich es nicht wiedergeben, weil er uns zwischendurch noch darüber informiert, dass sich der Grund seit der letzten Eiszeit anhebe, weshalb wir mit nicht kartiertem Neuland rechnen müssten.

 

Als er fertig ist, habe ich alles wieder vergessen. Aber das macht nichts. Ulrike geht mit ihrem Freund immer segeln, außerdem ist sie Ärztin, das sind von Natur aus kluge Menschen. Wir montieren den Kugelkompass am Boot und fahren los. An der ersten Schäre drehe ich mich zu Ulrike um. »Hast du kapiert, wie das mit dem Navigieren geht?«, frage ich. Ulrike lacht bloß sehr laut und sehr lange. Sie habe nicht ein Wort verstanden, sagt sie dann. Wir einigen uns auf eine simple, aber geniale Strategie. Wir fahren einfach so lange in eine Richtung, bis es nicht mehr weitergeht. Dann fahren wir in eine andere Richtung.*

 

 

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* Ein Auszug aus einem Text von mir über Paddeln im schwedischen St. Anna, erschienen in GEO Saison.

 

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