HALLO,

tiefschwarz muss die Nacht sein, damit Katja Poppenhäger ihrer Arbeit nachgehen kann, keine Wolken dürfen den Blick
aufs Firmament verschleiern, keine Großstadtlichter dem Funkeln der Sterne Konkurrenz machen. Und schon gar nicht
darf Regen aus dem Himmel herabstürzen. Dann würden die beiden millionenteuren Spiegelaugen des Teleskops be-
schädigt, mit dem die Astrophysikerin in die Tiefe des Universums späht. Als sich Poppenhäger an einem Junimorgen um kurz nach acht bereit macht für den Blick ins All, flutet der heimische Zentralstern das Gelände des Instituts für
Astrophysik (AIP) allerdings längst mit etwa 20.000 Lumen pro Quadratmeter; hinter den heruntergelassenen Jalousien
des Beobachtungsraums herrscht daher nicht tiefschwarze Nacht, sondern bestenfalls Zwielicht. Gewiss, zur selben Zeit
starrt auf einem Dreitausender in der Wüste Arizonas das Large Binocular Telescope (LBT) durch den von keiner irdi-
schen Lichtquelle gestörten Nachthimmel auf einen Billiarden Kilometer entfernten Stern. Hier in Potsdam aber stellt Pop-
penhäger ihren lila karierten Rucksack in eine Ecke, lehnt den Kaffee, den ihr der bereits anwesende Kollege anbietet,
freundlich ab und wirft einen Blick auf das, was das LBT aus Arizonas Nachthimmel rüberschickt: ein gutes Dutzend Gra-
phen, Kurven und Zahlenreihen auf einem übergroßen Monitor. »Sterne zu beobachten heißt vor allem: viel Kaffee
trinken«, sagt Poppenhäger. »Die eigentliche Arbeit kommt später.«
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Am ersten Tag des Jahres 1600 nahmen die Leiden der Katharina Herbst ein Ende. Die 23 Jahre alte Grazer Magd lag gefesselt auf dem Erdboden. Brennende Kerzen umgaben sie, Kruzifixe und Gefäße mit Weihwasser. Ihr Schicksal leitete nun ein Buch. Aus dem Lateinischen übersetzt lautete sein Titel: »Teufelsgeißel«. Seit Monaten hatten Exorzisten versucht, die Dämonen auszutreiben, die ihrer Ansicht nach von Katharina Herbst Besitz ergriffen hatten. Sie hatten Psalmen und Litaneien gebetet, der jungen Frau Öl und geweihtes Salz eingeflößt, sie in mit Heilkräutern versetztem Wasser gebadet. Sogar die knöcherne Hand eines Toten wurde ihr aufgelegt, wie die kirchlichen Protokolle vermerken. Nur: Die bösen Geister weigerten sich offenbar hartnäckig, aus dem Körper der vermeintlich Besessenen zu weichen. Herbst knurrte, schrie und verhöhnte die Priester weiterhin, sie spuckte nach ihnen und schlug um sich.*

 

* oben der Anfang eines Porträts, erschienen im März 2026 im Leibniz-Magazin, unter der eines Texts über die Geschichte des Exorzismus in Spiegel Geschichte (Oktober 2025).