GUTEN TAG,

 

zwischen Warschauer Straße und Stralauer Allee malen Dutzende Ampeln rote und grüne Kreise über die Kreuzung, alle fünf Minuten rauschen die hell erleuchteten Waggons der U1 über die Brücke, quer dazu rollen in ähnlichem Takt die Züge der S3, S5 und S7 heran, von Norden kommt die Tram M10, der Turm einer ehemaligen Glühbirnenfabrik strahlt grünes Licht in den Himmel, ein Beachclub rotes, und zu den hunderten Autoscheinwerfern kommen jetzt auch noch Blaulicht sowie das Feuerwerk, das irgendjemand über der Spree abbrennt. Durch diesen Exzess künstlichen Lichts streifen Nacht für Nacht tausende Menschen: weil hier umsteigen muss, wen es in die Bars und Restaurants von Friedrichshain oder Kreuzberg zieht, weil hier die S-Bahnen aus den östlichen Bezirken ins Zentrum einlaufen und jene Clubs fußläufig zu erreichen sind, denen Berlin seinen Ruf als Metropole der Nacht verdankt.

 

»Dass sich so viele Menschen nach Sonnenuntergang noch bewegen, ist überhaupt nur möglich, weil wir die Nacht erleuchten«, sagt Lichtforscher Franz Hölker. Er steht auf der Oberbaumbrücke, die über die Spree führt, hebt den Blick und kneift die Augen zusammen. »Den Großen Wagen kann ich gerade noch erkennen.« Das bedeutet nicht nur für Astronomen und Romantiker einen Verlust. Es verändert auch unseren Begriff von Dunkelheit: Vor 200 Jahren waren die Menschen tiefe Nachtschwärze gewohnt. Heute, da schon das fahle Orange über nächtlicher Stadt als Dunkelheit gilt, empfinden wir eine natürliche Nachtlandschaft oft als unangenehm, als bedrohlich.*

 

 

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* Ein Auszug aus einem Text von mir über nächtliche Lichtverschmutzung, erschienen im Magazin der Leibniz-Gemeinschaft.

 

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