HALLO,

in einem schmalen, U-förmigen Labor im vierten Stock der Uniklinik Göttingen erfasst ein Mikroskop die Bewegung eines Rings aus Zellen. Obwohl unendlich schlicht, ist diese Bewegung die Voraussetzung für menschliches Leben und das aller anderen Wirbeltiere. Ohne sie käme kein Kreislauf jemals in Gang, wäre Atmen zwecklos, gäbe jedes Hirn den Geist auf. Es sind Herzzellen, die, umgeben von lachsfarbener Nährlösung, sich ohne jeden Impuls von außen rhythmisch zusammenziehen und entspannen. Sie schlagen. Die Zellen waren nie Teil eines Körpers; sie wuchsen aus Stammzellen heran und werden bald eine sechseckige Membran bilden, die das Herz eines heranwachsenden Rhesusaffen heilen soll. Wenn alles so läuft, wie der Pharmakologe Wolfram-Hubertus Zimmermann es sich unter seiner krankenhausgrünen Arzthaube vorstellt, helfen solche Herzpflaster bald hunderttausenden Menschen, den Tod auf Abstand zu halten.*

+++++

Am ersten Tag des Jahres 1600 nahmen die Leiden der Katharina Herbst ein Ende. Die 23 Jahre alte Grazer Magd lag gefesselt auf dem Erdboden. Brennende Kerzen umgaben sie, Kruzifixe und Gefäße mit Weihwasser. Ihr Schicksal leitete nun ein Buch. Aus dem Lateinischen übersetzt lautete sein Titel: »Teufelsgeißel«. Seit Monaten hatten Exorzisten versucht, die Dämonen auszutreiben, die ihrer Ansicht nach von Katharina Herbst Besitz ergriffen hatten. Sie hatten Psalmen und Litaneien gebetet, der jungen Frau Öl und geweihtes Salz eingeflößt, sie in mit Heilkräutern versetztem Wasser gebadet. Sogar die knöcherne Hand eines Toten wurde ihr aufgelegt, wie die kirchlichen Protokolle vermerken. Nur: Die bösen Geister weigerten sich offenbar hartnäckig, aus dem Körper der vermeintlich Besessenen zu weichen. Herbst knurrte, schrie und verhöhnte die Priester weiterhin, sie spuckte nach ihnen und schlug um sich.*

 

* oben der Anfang eines Reports über die Entwicklung eines "Herzpflasters", erschienen im Juli 2026 im Magazin der Leibniz-Gemeinschaft, unten der eines Texts über die Geschichte des Exorzismus in Spiegel Geschichte (Oktober 2025).