HALLO,

an einem lauen Spätsommerabend 1989 verlässt Heidi Hazell ihr Haus in Unna-Maaßen und steigt in ihren schwarzen Saab. Als sie das Auto auf die Straße lenkt, tritt hinter einem Gebüsch ein Mann hervor, er trägt eine Armeeuniform des Vereinigten Königreichs und eine Waffe. Nichts davon ist ungewöhnlich; in der Nähe sind britische Soldaten stationiert.

Allerdings trägt der Mann keine britische Waffe, sondern eine Kalaschnikow. Und er bringt das Sturmgewehr in Anschlag, richtet die Mündung genau auf Hazell. Dann eröffnet er das Feuer. Hazell drückt das Gaspedal durch. Als der Saab gegen die Mauer der benachbarten Kirche prallt, ist sie bereits tot. Heidi Hazell, die deutsche Frau eines Hauptfeldwebels aus Nottingham, hatte keine Feinde. Zumindest keine, von denen sie wusste.

 

Knapp 1000 Kilometer weiter nordwestlich, zwischen der Irischen See und dem offenen Atlantik, hat eine Gruppe verbitterter, radikaler, zu beinahe jeder Form von Gewalt bereiter Kämpfer beschlossen, dass Heidi Hazell ihr Leben verwirkt hatte. Am Tag nach dem Mord räumt die die Irish Republican Army (IRA) in ihrem Bekennerschreiben zwar ein, sie habe Hazell fälschlich für „eine Angehörige der Streitkräfte der britischen Krone“ gehalten. Aber statt den Irrtum zu bedauern, verkündet die IRA, der Anschlag sei als Warnung zu verstehen, „sich von britischem Militärpersonal fernzuhalten.“*

 

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Bevor Hans G. Drexler den Zehn-Teiche-Marathon in Hahnenklee im Harz startet, leert er eine Flasche Cola, umarmt ein paar Läuferkollegen, fragt hier nach dem Zustand des lädierten Knies, erkundigt sich dort nach dem Ausgang des letzten Laufs. Unter spätsommerlicher Morgensonne setzt sich der Pulk in Bewegung, bald setzen sich die ersten ab. Nicht Drexler. Drexler macht langsam, bis er der Allerletzte ist. Wenn am Wegesrand der örtliche Bäcker Käsekuchen feilbietet, lässt er sich nicht zweimal bitten. Zu einem Bier sagt er auch nicht nein. Kämpft sich zweimal durch die Zwanzig-Kilometer-Runde, durchquert Waldstücke, joggt am Ufer blau schimmernder Teiche durch die klare Herbstluft. Ein paar hundert Meter vorm Ziel zieht er noch mal an, überholt ein paar Läufer und geht nach fünf Stunden, 28 Minuten und 37 Sekunden als Sechsundfünfzigster durchs Ziel. Oder als Zehntletzter, je nachdem.

 

Danach setzt er sich in seinen rostroten koreanischen Kompaktwagen und fährt zurück nach Braunschweig; am Montagmorgen wird er dort wieder zur Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) radeln. Nebenbei oder hauptsächlich, so genau lässt sich das nicht sagen, ist Drexler nämlich noch Mediziner, Krebsforscher und Leiter der Abteilung Menschliche und Tierische Zelllinien an eben dieser DSMZ, obwohl er seit Februar pensioniert sein könnte: ein Typ, für den Aufgeben keine Option ist. Oder, um es in Zahlen zu sagen: der in seinem einen Leben 523 Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht und in dem anderen 613 Marathons und Ultramarathons absolviert hat.*

 

 

* Auszüge aus zwei Texten von mir, der eine über den nordirischen Bürgerkrieg, erschienen in P.M. History, der andere über den Braunschweiger Zellforscher und Ultramarathonläufer Hans Drexler, erschienen im Magazin der Leibniz-Gemeinschaft

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